Assistenzhunde – Kluge Partner auf vier Pfoten

Gepostet von Mareike Lemme, 28.10.2020 09:00:00

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Aus gutem Grund gehören Hunde seit vielen Jahrhunderten zu den beliebtesten Haustieren. Sie begleiten uns durch den Alltag, lenken uns von trüben Gedanken ab, und stehen uns immer treu zur Seite. Deshalb sind die klugen Vierbeiner auch perfekte Partner für Menschen mit Behinderung. Entsprechend ausgebildet, können sie ihnen das Leben in vielerlei Hinsicht erleichtern.

VITA-Assistenzhunde

Es ist morgens, kurz nach sieben, der Wecker klingelt. Johanna schaut in zwei tiefbraune Augen. Homer freut sich riesig, dass sein Frauchen endlich wach ist. Ein neuer, spannender Tag beginnt für die beiden, und zur Einstimmung bringt ihr der Golden Retriever schon mal ein paar Socken. Fröhlich mit dem Schwanz wedelnd zieht er die junge Frau mit seiner Lebensfreude geradezu aus dem Bett und unter die Dusche. Johanna ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit ihrer Geburt leidet sie an der „Friedreich-Ataxie“, einer degenerativen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Homer ist nicht irgendein Vierbeiner. Er ist ein VITA-Assistenzhund, der der jungen Frau seit Juni 2011 nicht mehr von der Seite weicht.

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Als die Diplom-Sozialpädagogin Tatjana Kreidler im März 2000 den Verein VITA e.V. Assistenzhunde (VITA) gründete, setzte sie sich zum Ziel, Kindern und Erwachsenen mit körperlicher Behinderung – losgelöst ihrer finanziellen Situation - zu mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität zu verhelfen. Ein Herzensanliegen von Tatjana Kreidler war von Beginn an die Ausbildung von Kinder-Teams. Der gemeinnützige Verein bildet Golden und Labrador Retriever zu zuverlässigen Partnern aus. Dabei leistete VITA mit der Ausbildung von Assistenzhunden für Kinder europaweit Pionierarbeit und war auf dem europäischen Festland der erste zertifizierte Verein, der Assistenzhunde nach den international anerkannten Standards des Dachverbands Assistance Dogs Europe (ADEu) ausbildet.

Wobei kann ein Assistenzhund helfen?

VITA-Assistenzhunde Nina und EmilyEin VITA-Assistenzhund ist praktischer Helfer, treuer Partner, Eisbrecher und Mittler – er ist „Medizin auf vier Pfoten“ und wirkt auf verschiedenen Ebenen: psychisch, physisch, sozial und kognitiv. So hilft er nicht nur bei alltäglichen Aufgaben, indem er bspw. Gegenstände apportiert, beim An- und Ausziehen assistiert oder im Ernstfall Hilfe holt. Er öffnet Türen - im realen und vor allem übertragenen Sinn. Er fördert die Integration in die Gesellschaft, indem er den Kontakt zu anderen Menschen schafft, Interesse weckt, Hemmschwellen mindert und Gesprächsstoff liefert. Mit und durch ihn steigen so Selbstvertrauen, Unabhängigkeit, Aufgeschlossenheit, Empathie und Lebensmut.

Wie werden Assistenzhunde ausgebildet?

Der Weg zum Assistenzhund beginnt schon ganz früh im Hundeleben. Nur gesunde, sehr menschenbezogene Welpen aus ausgewählten Zuchtlinien kommen für die Ausbildung nach der sogenannten „Kreidler-Methode“ in Frage.

DIE KREIDLER-METHODE: Die erste Vorsitzende von VITA e.V. Assistenzhunde, Dipl. Soz. Pädagogin Tatjana Kreidler hat eine spezielle Methode entwickelt, um Mensch und Hund füreinander zu sensibilisieren und zu wirklichen Partnern zu machen. Eine vertrauensvolle Bindung ist dabei die Basis der Ausbildung. Die Kreidler-Methode basiert auf Empathie und Motivation, einem situativen und ganzheitlichen Ansatz, der u. a. durch Ruhe und Geduld, positive Verstärkung, lernen nach Vorbild und durch freundliche Autorität die vertrauensvolle Bindung von Mensch und Hund fördert.

Nur so wird erreicht, dass ein Hund „seinen Menschen“ freudig, ausdauernd und zuverlässig unterstützt. Geduld, Respekt und Zuneigung für Tier und Mensch - das ist die Voraussetzung für die Arbeit.

Der Weg zum VITA-Assistenzhund umfasst verschiedene Phasen. Im ersten Lebensjahr werden die Hunde in Patenfamilien an alltägliche Situationen herangeführt, damit die Welpen und angehenden Junghunde z. B. Situationen wie Auto fahren, auf den Markt gehen, Geräuschkulissen im Restaurant erleben, kennenlernen und in der Zukunft nicht scheuen (sog. Sozialisierungsphase). Natürlich werden hier auch schon die notwendigen Basis-Kommandos, wie „Sitz“, „Platz“, „Bleib“, „Hier“ und „Fuß“ spielerisch und geduldig Schritt für Schritt erlernt. Darauf aufbauend folgt die Ausbildungsphase. In dieser Phase wird das bereits Erlernte gefestigt und ausgebaut und der Hund auf die speziellen Aufgaben eines Assistenzhundes vorbereitet. Dazu gehören bspw. apportieren, drücken, ziehen, Türen öffnen, am Rolli laufen, sich in Menschenmengen und bei anderen Hunden/Tieren ruhig verhalten.

Sobald dieses „Fundament“ gelegt ist, wird anhand der Bewerberprofile ein geeigneter Partner (Mensch) ausgewählt. Beim ersten Aufeinandertreffen von Mensch und Hund gilt es zu beobachten, ob die Chemie zwischen den beiden stimmt. Schließlich ist es unabdingbar, dass sich Mensch und Hund „riechen können“, um ein harmonisches Team zu werden. Ist dieses sog. „Matching“ erfolgreich, erlernt der Hund anschließend noch ganz spezielle Fähigkeiten, die auf die individuellen Bedürfnisse seines neuen Partners abgestimmt sind.

In der letzten, intensiven Phase der Zusammenführung, lernen Mensch und Hund dann die gemeinsamen Aufgaben mit wachsender Eigenverantwortung als Team zu meistern und die durch die Partnerschaft neu entstandenen Möglichkeiten für sich zu erkunden. Die Zusammenführung von Mensch und Hund ist die intensivste Zeit des Trainings und dauert mindestens sechs Wochen. Die künftigen Assistenzhundebesitzer leben in dieser Zeit
im Ausbildungszentrum und sind dort Teil einer familiären Gemeinschaft. Gerade bei Kindern geht die Betreuung weit über die Team-Bildung hinaus und erfordert viel psychologisch-pädagogisches Wissen und Verständnis für die Kinderseele.

VITA-Assistenzhunde May und Brando

Nachbetreuung wird bei VITA Assistenzhunde großgeschrieben

Nach rund zwei bis drei Jahren ist die Ausbildung geschafft – Mensch und Hund sind vereint und können gemeinsam als Team agieren. Aber auch nach der Zusammenführung werden die Teams bei VITA – ein Hundeleben lang - regelmäßig nachbetreut und geschult, da sich immer wieder Veränderungen ergeben können (bspw. der Grad der Erkrankung).

Die Teams stellen im sog. Team-Qualifikationstest regelmäßig ihre Fertigkeiten, ihr Wissen und Können unter Beweis. Dabei werden in der Theorie z. B. Fragen rund um den Vierbeiner und seine Bedürfnisse gestellt. Dabei gilt es auch tiermedizinische Aufgaben zu beantworten. Schließlich soll der Team-Partner erkennen, wenn es seinem Hund mal nicht gut geht und wissen, wie er im Notfall handeln kann. Im praktischen Teil dürfen Mensch und Hund gemeinsam zeigen, was sie gelernt haben. Wie zuverlässig befolgt der Hund die Anweisungen seines menschlichen Teampartners? Erkennt er ihn als seine Bezugsperson an? Wie gut erfüllt er seine alltäglichen Aufgaben? Um zu
prüfen, ob sich der tierische Begleiter von äußeren Einflüssen wie beispielsweise Straßenlärm oder Artgenossen ablenken lässt, finden Teile des Tests an öffentlichen Orten und im freien Gelände statt.

VITA nimmt die Betreuung der Teams sehr ernst: Für Mensch und Tier stehen regelmäßige Kontakte, Schulungen und Auffrischungskurse auf dem Programm – ein Hundeleben lang.

Perfekte Begleiter für Kinder und Jugendliche

Die Ausbildung von Kinderteams liegt Diplom-Sozialpädagogin Tatjana Kreidler ganz besonders am Herzen. Schon während ihres Studiums hat sie sich intensiv mit den kindlichen Entwicklungsphasen beschäftigt. „Gerade bei Kindern bewirken die Hunde oft kleine Wunder. Psychisch, physisch, sozial und kognitiv“, erklärt die Vereinsgründerin, die bei den großen Charity-Organisationen „Dogs for the Disabled“ und „Guide Dogs for the Blind“ in England wertvolle Erfahrungen sammelte. Die Zusammenführung von Kindern und Hunden stand dort allerdings nicht auf dem Lehrplan, denn es fehlte an Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein von Jungen und Mädchen. Ein Vorurteil, mit dem Tatjana Kreidler längst aufgeräumt hat: rund 30 körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen hat sie mittlerweile zu einem vierbeinigen Partner verholfen.

Ohne Spenden geht es nicht

Über 25.000 Euro kostet die Ausbildung eines Assistenzhundes. Da der Verein keine öffentlichen Fördermittel erhält und sich die Krankenkassen nicht an den Kosten beteiligen, ist VITA e.V. Assistenzhunde vollständig auf Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren angewiesen. Gemeinsam mit VITA-Schirmherrin Dunja Hayali machen sich prominente Fürsprecher für VITA stark, wie die ZDF-Moderatorin Susanne Conrad, der Musicalstar, Sänger und Moderator Bernie Blanks, die Dressurreiterin Elizabeth Eversfield, die Bestsellerautorin Nele Neuhaus oder TV-„Hundeprofi“ Martin Rütter.

Dank VITA e.V. Assistenzhunde haben mittlerweile mehr als 63 Menschen einen vierbeinigen Freund und Partner an ihrer Seite. Und natürlich sollen noch viele weitere Teams folgen.

WEITERE INFORMATIONEN
Zu VITA Assistenzhunde:
www.vita-assistenzhunde.de

Themen: Alltag, Wellspect