Ein Traum – Ein Team – Den ganzen Weg bis auf den Gipfel

Gepostet von Mareike Lemme, 04.03.2020 12:51:00

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Es ist die Geschichte einer gemeinsamen Reise, eines gemeinsamen Traums, welchen die 11 Gefährten miteinander teilten, als sie in ihre Flieger am Hamburger, Frankfurter und Stockholmer Flughafen stiegen, um wenig später das erste Mal auf dem afrikanischem Kontinent im Ambassador Hotel in Arusha, Tansania, aufeinander zu treffen. Es sollte eine ganz außergewöhnliche Reise mit vielen tollen Begegnungen werden. Die Idee der Bergbesteigung erwuchs aus dem dringenden Bedarf für Kinder mit Hydrocephalus und Spina bifida in Haydom, Tansania, einen Ort der Zuflucht und der weiteren medizinischen Versorgung zu schaffen. Die Gruppe auf dem Gipfel-1

Der Bau eines „Hauses der Hoffnung“ soll finanziert und gesponsert werden. Ein internationales Wanderteam mit Teilnehmern aus Tansania, Haydom, Schweden und Deutschland wurde zusammengestellt, die gemeinsam für Haydoms Kinder an den Start gingen. Dabei ging es auch darum der Gesellschaft zu zeigen, dass Menschen mit Spina bifida trotz ihrer motorischen Einschränkung in der Lage sind Großartiges zu leisten und dass Integration selbstverständlich ist. Aufklärung als erster Schritt gegen falsche Vorurteile und vorgefertigte Barrieren in unseren Köpfen. Der Berg als Sinnbild für alltägliche Hindernisse im Leben eines Kindes mit Spina bifida und Hydrocephalus, die es mit Teamgeist und gemeinsamen Einsatz zu überwinden gilt.

Aber zurück zu unseren erwartungsvollen Bergsteigern. Ein erstes abendliches Treffen brachte unsere bunte zusammengewürfelte Reisegruppe beim Dinner in Arusha erstmals zusammen. Pädiater Joshua, Physiotherapeut Hendry und Pfleger Bryson vertraten unser lokales Projekt-Team aus Haydom. Sifa und Peter aus Mwanza in Nordtansania, die sich dort schon lange in einem ähnlichen House of Hope für die Familien und Kinder mit SBH einsetzen. Santos, ein betroffener junger Mann mit Spina bifida aus Daressalaam, welcher noch selbstständig, wenn auch nur unter Schmerzen und eingeschränkt mit Gehhilfen, fußläufig aktiv ist, war hochmotoviert das Team bis auf den Gipfel zu begleiten. Und natürlich unsere deutsch-schwedische Delegation, besonders hervorzuheben David, Rollstuhlfahrer durch einen Unfall mit Querschnittsfolge und Lisa und Ina, aus Deutschland und Schweden mit angeborener Spina bifida, auch im Rollstuhl unterwegs. Sie wollen mit ihrer Geschichte Mut machen, mit Vorurteilen aufräumen und zeigen wie man bewusst Grenzen überschreitet, um Großes zu leisten. Und der Rest unserer Mzungu Bande: 2 Sonderpädagogen, ein Ingenieur und Statiker, eine engagierte Mutter, Lars - unser Foto- und Kameramann und 2 weitere Kinderdoktoren, inklusive mir. Wenn ihr mich fragt eine perfekte Mischung für ein erfolgreiches Unterfangen. Jeder einzelne unserer Gruppe kam mit einer persönlichen Geschichte, persönlichen Beweggründen und Hoffnungen auf diese Reise, aber alle mit einem gemeinsamen Ziel: dem Gipfel. Und dem kamen wir allesamt näher, als wir es uns vielleicht vorher erträumt hätten. Unser gemeinsames Motto: One Team – one Dream – All the way to the summit!

Nachdem alle mit Bergequipment ausgestattet waren ging es begleitet von unserem Mount Meru Song zum Gate des Arusha National Parkes. Vorbei an den ersten Giraffen und Zebras, die uns für die bevorstehende Reise viel Glück wünschten. Am Gate warteten Reporter vier verschiedener lokaler Fernsehsender, die über unser zugegeben etwas ungewöhnliches Vorhaben berichten wollten. Denn es ist ein Rekordversuch der besonderen Art. Noch nie hat ein Rollstuhlfahrer je die Hänge des Mount Meru betreten oder den Aufstieg gewagt. Mehr als 35 Helfer, Ranger und Bergführer begleiteten uns. Jeder einzelne von ihnen war von unserer Motivation und dem Willen, etwas Gutes für die Kinder in Haydom zu erwirken, angesteckt. Keiner hinterfragte unser ambitioniertes Ziel. Wie selbstverständlich legte man sich einen Hüftgurt an, und half beim Ziehen und Schieben der Rollstühle auf unwegsamem Terrain. Die Sprach- und auch Mobilitätsbarrieren wichen einem gemeinsamen Ziel – für die Kinder in Haydom ein Zeichen zu setzen - stellvertretend für all jene und alle sonstigen betroffenen großen und kleinen Kämpfer diesen Berg zu besteigen. Niemand entzog sich dieser aktiven Rolle, und so wurde abwechselnd ziehend vor dem Rollstuhl, im Gespräch daneben oder schiebend dahinter dem Gipfel entgegengewandert.

Santos und David genießen den AusblickGegen aufkommende Müdigkeit und Erschöpfung halfen Gesang, Musik, spontane Tanzeinlagen und gelegentliche Gummibärchen-Pausen. Die Landschaft war zu Beginn geprägt von grünen moosbesetzten hochragenden Bäumen mit dichtem Blätterdach und wich später hohen Sukkulenten und Farnbüschen. Der Untergrund war durch den anhaltenden Regen matschig und aufgeweicht, und so manche tiefe Schlammpfütze musste durchquert oder umfahren werden. Ein unwegsames Pflaster aus spitzen Steinen markierte unseren Weg und ließ das Vorankommen oft sehr ruckelig werden. Mit Einbruch der Dunkelheit durchquerten wir den Krater des Meru Vulkanes, dessen steile Kesselwände sich vor uns auftürmten.

Eingehüllt in den Abendnebel mit Blick auf den in der Ferne aufblitzenden Gipfel des Kilimanjaro erreichten wir schließlich unser erstes Camp, die Miriakamba Hütte, auf 2500 m. Ein erster Etappenerfolg, der mit einem leckeren Abendessen entlohnt wurde. Schon jetzt fühlte sich jeder von uns als Sieger! Am Morgen starteten wir die zweite Etappe. Der Weg war gleich zu Beginn steiler und schmaler als noch am Tag zuvor, und man kämpfte hart die Rollstühle über das Terrain zu bewegen. Zwischenzeitlich bediente man sich Alternativen, und versuchte zu tragen. Wenig später stand man gemeinsam vor einer schwierigen Entscheidung. In Anbetracht des noch mit weiteren 5 Stunden angegebenen zweiten Etappenzieles und dem fast unmöglich steilen Anstieg und der bereits schwindenden Kräfte aller Helfenden sowie dem bei Regen sehr gefährlich erscheinenden rutschigen Abstieg, entschieden sich David und Lisa zurückzukehren, um auf der ersten Hütte auf uns zu warten. Es trennten sich zunächst nur unsere Wege, allerdings nahmen wir die beiden in Gedanken weiter mit uns auf die Reise. Ein Baum auf fast 3000 Höhenmeter markierte ihren persönlichen Weltrekord.

Das Team hatte schnell Anschluss an Ina gefunden, und weiter ging es gemeinsam zur Saddle Hut. Man nannte uns den Partyzug, weil wir begleitet von einer Motivationsbergbesteigungsplaylist auf der Bluetooth Box tanzend und singend die gesamte Gruppe unterhielten und wahrscheinlich so alles Bergleben im Umkreis verschreckten, aber der Zweck heiligt bekanntlich fast alle Mittel. Noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir auch hier den bereits reich gedeckten Tisch auf der 3500 m hohen Saddle-Hut. Tränen der überwältigenden Freude und der Erschöpfung mischten sich mit Jubelrufen über diese grandiose Leistung aller Beteiligten. Es war klar, jetzt konnte uns nichts mehr aufhalten.

Nach einer abenteuerlichen Outdoordusche in der Stehtoilette mit einem Schüsselchen warmen Wasser – ich erspare Euch die Details – Not macht erfinderisch – schlüpften wir in unsere Thermoklamotten, um der aufsteigenden Kälte des Berges zu entgehen, und versammelten uns zum heißen Tee. Der Schlachtplan lautete, Team Ina, Liso, Santos, Jens und Sara sollten sich um Mitternacht zum Gipfel des 3800 m hohen little Meru Peaks aufmachen, der Rest der Truppe bereitete sich auf den Gipfelsturm auf 4600 m vor. Eine Mütze Schlaf später standen wir mit Stirnleuchten unter dem weiten Sternenhimmel der Südhemisphäre. Fahles Mondlicht fiel auf unseren Trampelpfad, der uns hinauf zum Rhino Point führte. Ein erster Schluck aus unseren Wasservorräten, ein erster Müsliriegel und dann das entscheidende Kommando – alle Lichter aus! Der Sternenhimmel enttarnte sich aus der entstehenden Dunkelheit heraus, es war als wies uns die Milchstraße plötzlich die Richtung zum Gipfel. Andächtiges Schweigen für 1-2 Minuten, dann ging es weiter im Gänsemarsch über Geröll, Felsen, vorbei an einer steilen Felswand, wo eine Eisenkette für unser Weiterkommen sorgte. Jeder kämpfte mit Müdigkeit und Muskelkater sowie schwindenden Kräften. Mit der Morgendämmerung rückte der Gipfel immer näher.

Der erreichte Sendemast und die Wetterstation entpuppten sich nicht als langersehnter Gipfel, sondern markierten nur noch einmal den 60minütigen Endspurt des Aufstieges. Wir durchquerten ein morgendliches Wolkenmeer, als sich vor unseren Augen die Gipfelflagge erstmals zeigte. Unser angestrengtes Schweigen wurde immer wieder durch die gegenseitigen Zurufe unserer Guides, die sich über das Wohlergehen der Gruppe erkundigten, unterbrochen. Dann die ersten Jubelrufe beim Erreichen der Fahne. Die Übrigen nahmen noch einmal alle Kräfte beisammen und wenig später teilten wir uns alle den schmalen Gipfel sowie heißen Tee und erneute Tränen der Freude. Im anbrechenden Tag und dem atemberaubenden Blick ins Tal und den Krater waren fast alle Strapazen vergessen. Gemeinsam riefen wir unsere Grüße herab von 4600 m und hinüber zum benachbarten Gipfel des Little Meru, wo nun auch Ina und Santos mit ihrer Truppe standen, und ihre Gesichter dem Sonnenaufgang zuwendeten. Ein gemeinsamer Erfolg. One Team one Dream!

Die Gruppe auf dem Gipfel

Um dem noch mehr Ausdruck zu verleihen hielten wir das gemeinsame Banner mit den Namen von David, Lisa, Ina und Santos hoch hinauf in den Himmel. Der Abstieg war im Anschluss begleitet von herrlichem Sonnenschein und einem spektakulären Blick hinein in den Krater und herab ins Tal. Unglaublicher Stolz und die Vorfreude auf unsere gemeinsame Wiedervereinigung trieb uns an auf dem Weg zurück zur Saddle Hut und wenig später auch auf die Miriakamba Hütte, wo wir uns wenig später dann wieder alle in den Armen lagen. Die groß geplante Hüttenparty des letzten Abends wich der unglaublichen Erschöpfung der 14-15 stündigen Wanderung und 2000 zurückgelegten Höhenmeter. Wir fielen müde in unsere Betten. Unser letzter Morgen startete mit einer feierlichen Dankeszeremonie an alle beteiligten Helfer. Alle wurden beklatscht und mit ein paar persönlichen Worten des Dankes belohnt. Die Selbstverständlichkeit des unfassbar großen Einsatzes und der Mobilisation aller Ressourcen für eine Reisegruppe Fremder mit einem verrückten Ziel beeindruckte alle, und ließ uns kaum Worte des Dankes finden. Der gemeinsame Glaube an den Erfolg und die Bedeutung der Wanderung für die Familien und betroffenen Kinder mit Spina Bifida und Hydrocephalus in Haydom war unser aller Motor und Antrieb. Es zeigt, wie wichtig Teamwork bei der Versorgung und auch Nachsorge der Kinder ist, und wie dieses zum Ziel führen kann, erscheint der Gipfel auch noch so hoch und unerreichbar. Der erste Schritt ist von uns allen begangen worden. Es ist klar, dass der Weg noch ein weiter sein wird, aber im Team lässt sich noch vieles gemeinsam erreichen. Mount Meru, ein wichtiger Meilenstein, erreicht für die Versorgung von Kindern mit Spina Bifida und Hydrocephalus in Tansania, und vielleicht auch hier bei uns.

Santos Joshua ChuwaSantos Chuwa, ein junger Mann mit Spina Bifida und Hydrocephalus aus Tansania, erklimmt als erster Mensch mit Spina Bifida den Little Meru in Tansania. Lesen Sie hier in einem emotionalen Brief warum er als Säugling beinah aktiv getötet worden wäre, wie er überlebte und heute zum großen Vorbild wurde. In einem Brief wendet er sich an seine Mitmenschen.

 

 

 

Lesen Sie hier den bewegenden Brief von Santos,  einem der Teilnehmer am Charity Hike

Haydom friendsDer Verein HaydomFriends e.V. organisiert die medizinische Versorgung der Kinder am Haydom Lutheran Hospital in Tansania. Darüber hinaus unterstützt er die operative Versorgung und die Langzeitnachsorge von Kindern die in Haydom mit Hydrocephalus und Spina Bifida geboren wurden. Ohne eine nötige Operation und Nachsorge versterben diese Kinder häufig an Komplikationen wie Hirndruck und Infektion. Der Verein macht sich stark für die Aufklärung über diese Erkrankung und unterstützen die Eltern in der Versorgung ihrer erkrankten und in Haydom operierten Kinder. Im Austausch mit dem Personal vor Ort sponsort er Mobilitätshilfen für die Kinder, Operationskosten, medizinisches Material und Equipment für die Kinderstation und organisiert Kontinenzmanagment-Trainingskurse für Eltern, deren Kinder an einer Spina Bifida erkrankt sind. In Kooperation mit dem Team vor Ort sorgt er so für eine nachhaltige und ganzheitliche Langzeitversorgung der kleinen Patienten. 

Wenn auch Sie dieses Projekt unterstützen möchten, hinterlassen Sie eine Spende auf https://haydom-friends.org/ oder kontaktieren Sie direkt Theresa Harbauer unter der E-Mail-Adresse theresa.harbauer@haydom-friends.org

Spenden Sie hier für die Arbeit von Haydom-Friends e.V.

Fotos: Lars Wehrmann

Text: Theresa Harbauer

Themen: Anwenderstory, Reisen