Mit dem Rollstuhl zum Mount Meru in Tansania - ein Bericht von Lisa Schmidt und Daniel Lebuser

Gepostet von Mareike Lemme, 13.02.2020 13:15:33

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Hierzulande sind Lisa und ich oft unterwegs um zu zeigen, was man mit dem Rollstuhl machen kann. Wir machen Tricks in Skateparks und schulen darin wie man den Rollstuhl beherrscht. Außerdem setzen wir uns dafür ein, altbackene Vorurteile abzubauen. Nach und nach sind wir auch ins Europäische Ausland gefahren und haben dort ebenfalls für die selben Ziele mit den gleichen Methoden für Aufklärung, Unterhaltung und Vorurteilsabbau gesorgt. Doch nun sollten wir uns noch viel weiter wagen - das neue Ziel hieß Tansania in Afrika.Lisa und David in Tansania

House of Hope

Die Hamburger Kinderärztin Dr. Theresa Harbauer, die den Verein Haydom Friends e.V. gegründet hat, machte uns auf die Situation von Kindern mit Spina bifida in Tansania aufmerksam. Sie selbst arbeitete mehrere Jahre in der Lutherischen Klinik in Haydom und hat das dortige Nachsorgeprogramm für Kinder mit Spina bifida mit gestaltet. Nach 10 Jahren ihrer Mitwirkung dort sind die Zahlen der Familien im Programm stark gestiegen und deswegen soll nun angebaut werden.

Dr. Harbauer beim Einsatz in der Klinik in Tansania

Ein House of Hope soll Platz schaffen für die vielen Familien, die zu den Angeboten der Nachsorge teilweise hunderte Kilometer auf sich nehmen müssen. Aber auch eine räumliche Trennung zwischen Nachsorgeprogramm und Klinik, damit die Spina bifida Kinder nicht die Zimmer belegen für die Kinder die wirklich krank sind und ins Krankenhaus müssen - denn Spina bifida ist keine Krankheit, die Kinder sind gesund und sollen dort nur an Routineuntersuchungen und anderen Programmpunkten teilnehmen.

Um das House of Hope zu finanzieren wurde ein Crowdfunding Projekt ins Leben gerufen und ein Charity Hike auf den Mount Meru organisiert, dem zweithöchsten Berg in Tansania - nach dem berühmten Kilimanjaro. Der Clou dabei: Auf den Mount Meru hat sich bisher nie ein Rollstuhlfahrer gewagt, auf den höheren Kilimanjaro dagegen schon. Wir sollten bald erfahren warum das so ist…

Arusha

Der erste Kontakt mit Afrika sollte für uns die Großstadt Arusha sein. Eine lebendige Stadt in der viele Menschen unterwegs sind, denn das Leben hier spielt sich auf den Straßen ab und auf den zahlreichen Märkten. Als Rollstuhlfahrer fiel uns natürlich sofort auf, dass die Stadt noch weit weg von jeglicher Barrierefreiheit entfernt ist. Es gibt kaum Gehwege und viele Seitenstraßen sind unbefestigt und matschig. Wenn es mal Gehwege gibt, sind diese nicht barrierefrei oder sie sind vor jedem Haus in einer anderen Höhe. Manchmal steht einfach eine Mauer oder Treppe völlig ohne Sinn vor einem.

Die Lösung? Ab auf die Straße, doch auch das hat seine Tücken, denn der völlig verrückte Verkehr in Arusha kennt vor allem eine Regel: Wer zuerst fährt hat Recht! Am Anfang fühlte es sich so an als ob man sich ständig in Lebensgefahr begab, bei jeder Straßenüberquerung, jedem Ausweichen auf die Straße oder auch bei Taxifahrten. Später gewöhnte man sich an den Puls der Stadt und wusste schon eher wie man hier sicher von A nach B kommt.

So kommt man in Arusha über die Straße

Die Läden sind oft hinter offenen Regenablaufkanälen, also einem Kanal am Straßenrand, nur mit provisorischen Brücken zu erreichen. Das ist häufig sehr abenteuerlich und ein Balanceakt. Doch bei all den Barrieren haben wir eins schätzen gelernt: den Pragmatismus mit dem hier Barrieren verringert werden. Wenn nur ein Brett zum über den Kanal balancieren vorhanden war, wurde halt schnell ein zweites organisiert und auf Spurbreite des Rollstuhls ausgerichtet. Rampen waren oft steil, aber eine steile Rampe ist ja immer noch besser als gar keine. War das Restaurant nicht barrierefrei, wurden die Tische halt nach draußen getragen. Gab es das gewünschte Getränk oder Mahl nicht in einem Laden, bestellte es der Kellner beim Laden nebenan oder auch mal drei Straßen weiter. Auch im Hotel wurden kurzerhand Türen ausgebaut um die Badezimmer erreichbar zu machen und gepolsterte Hocker wurden als Duschhocker hineingestellt. Alles nicht optimal, aber statt nach großen Problemen wird halt nach einfachen und schnellen Lösungen gesucht - Hakuna Matata eben!

Mount Meru

Dann sollte es auf den Berg gehen. Der Meru begrüßte uns am frühen Morgen bei klarem Himmel in seiner ganzen Pracht schon vom Hoteleingang aus. Mit einem Team aus Deutschen, Schweden und Tansaniern machten wir uns auf den Weg für den von Theresa Harbauer und Walter Miya geplanten Charity Hike auf den Mount Meru im Arusha Nationalpark. Wir drei Rollstuhlfahrer, Lisa, Ina und ich,  waren von der ersten Reifenberührung mit dem Berg die ersten, welche den Mount Meru damit zu bestreiten versuchten. 

Schwierige Bedingungen am Mount Meru

Im Gegensatz zu seinem großen Bruder, dem Kilimanjaro, hat er nicht so gut ausgebaute Wege und führt über steinige, steile und matschige Wege hinauf zu den Gipfeln Little Meru und dem 4566 Meter hohen Summit des Mount Meru.

Am Gate erwartete uns ein TV Team, immerhin war es ja ein Rekordversuch. Das kam uns sehr gelegen, denn wir wollten damit ja auch Leute erreichen und ihnen zeigen, dass Rollstuhlfahrer am Leben teilhaben sollen und auch an ihre Grenzen gehen können. Vom Gate, so ca. die ersten 3 Kilometer, konnte ich noch recht problemlos selber fahren und benötigte keine Hilfe, doch dann wurde es schnell sehr steil und so mussten mich schon hier, bei der vermeintlich einfachsten Etappe, durchgängig drei Leute schieben und ziehen. Diese erste Etappe erstreckte sich über insgesamt 14 km hinauf zur ersten Hütte. Ein Wasserfall und ein als Torbogen gewachsener Feigenbaum waren die Highlights und lockerten die Tortur etwas auf, vor allem auch durch die Pausen an diesen Orten.

Doch schon kurz nach dem Wasserfall wurde klar, dass wir den Zeitplan nicht einhalten und uns ganz schön ins Zeug legen müssen um vor Einbruch der Dunkelheit die Hütte zu erreichen. Der Weg zog sich gewaltig und zwischendurch war die Moral ziemlich im Keller. Der Regen der letzten Tage machte teilweise Wege fast unpassierbar und wir mussten entscheiden ob mitten durch den Matsch oder drumherum, oft nah am Hang oder durchs Dickicht zu wandern.

Gruppenfoto am Wasserfall

Je höher man kam, desto mehr Steine spickten auch den Weg. Das wurde als zusätzliches Hindernis immer wieder zu einem echten Kraftakt, denn jeder Stein hatte das Potential dich komplett auszubremsen. Manche Steine waren so groß, dass man rüber gehoben werden musste. Kurz vor der Hütte gab es nochmal ein Plateau, das hieß zwar keine steilen Anstiege, aber dafür säumten Gräben vom Regenwasser die Wege und so langsam verschwand die Sonne hinterm Berg. Die Dunkelheit brach dann schnell über uns herein, sodass wir sogar die auf der Ebene grasenden Büffel verpassten. Wir wollten nur noch ankommen!

Endlich an der Hütte auf 2500 Meter angekommen, gab es heißen Tee und ein ausgiebiges Abendessen. Durch die Tortur des ersten Tages war die Motivation etwas im Keller, aber wir schliefen erstmal die Nacht drüber.

Die Hütte hatte natürlich keine barrierefreien Waschräume oder Toiletten und so dauerte das Morgenprogramm auch etwas länger. Wieder halbwegs mit Motivation betankt machten wir uns leicht verspätet auf den Weg zu Etappe zwei. Die Wege sollten heute schmaler und steiler werden - noch steiler. So kam es auch, dass bereits nach ein paar hundert Metern und gerade mal 60 Höhenmetern für Lisa und mich klar wurde, dass das so nix werden wird. Schon hier wurden wir eigentlich nur noch getragen, geschoben, gezogen, teilweise von fünf Portern und der Weg sollte weitere 7 km so weiter gehen. In diesem Tempo hätten wir das nie bei Tageslicht geschafft.

Ich hatte das große Ziel die nächste Hütte zu erreichen, doch ich bin niemand der sich gerne tragen lässt. Ich möchte lieber selber klettern. Doch auch das war keine Option, da ich den Weg so erst Recht nicht bei Tageslicht geschafft hätte, wenn überhaupt. Lisa und ich kehrten also zur ersten Hütte zurück und der Rest der Gruppe, inklusive der schwedischen Rollstuhlfahrerin Ina Akerberg und dem Tansanischen Spina bifida Wanderer Santos Joshua Chuwa, ging ihren Weg weiter hinauf.

Da ich nicht gerne aufgebe, war diese Entscheidung für mich nicht leicht, aber am Ende war es wohl die Richtige. Die Message war ja schon hier auf 2500 Meter erreicht, denn bisher hat es noch kein Rollstuhlfahrer soweit an diesem Berg geschafft und eine war ja immer noch auf dem Weg zum Gipfel. Und in Tansania, wo Kindern mit Rollstuhl der Gang zur Schule oft verwehrt wird, weil ihnen der Weg oder gar die Schule an sich nicht zugetraut wird, ist es doch eine schöne Message, dass man sich manchmal einfach auf den Weg machen muss - ganz ohne die Erfolgschancen vorher zu bewerten.

Lisa und ich machten uns nun zwei entspannte Tage auf der Hütte, ohne Kontaktmöglichkeit zum Rest der Gruppe. Wir wussten also nicht wie weit die anderen waren. Aber da Ina nicht zurück gekehrt war, hat sie es wohl auf jeden Fall zur nächsten Hütte geschafft. In der Wartezeit sprachen wir mit einigen Leuten, die bereits auf dem Weg nach unten waren. Viele der „normalen“ Wanderer schafften den Gipfel nicht, teils wegen Sturm und Regen, aber auch wegen der Höhenkrankheit oder einfach der Anstrengung wegen. Viele meinten auch, dass es für sie unvorstellbar ist den Weg zum Gipfel, welcher teilweise am Steilhang nur aus einer Kette zum festhalten bestand, mit einem Rollstuhl machbar wäre.

Aber wir warteten ab und als das Team dann endlich zurückkam, brachten Sie tolle Neuigkeiten mit! Ina war die erste Rollstuhlfahrerin auf dem Little Meru und Santos der vermutlich erste, der mit Spina Bifida zu Fuß den Little Meru erreicht hat. Ein Teil der Gruppe machte sich auch noch auf den Weg zum 4500 Meter Summit des Mount Merus und nahmen unsere Namen und die Message mit auf die Bergspitze. Der Gipfel sollte also weiterhin von Rollstuhlfahrern unerreicht bleiben, aber vielleicht gibt es ja mit unserem Anstoß bald abenteuerlustige Rollstuhlfahrer, die auch das erreichen wollen.

Die Gruppe auf dem Gipfel

Am Ende muss man sagen, es war ein toller Rekordversuch mit der richtigen Message, aber bis der Mount Meru ein beliebtes Reiseziel für Rollstuhlfahrer werden kann, muss noch einiges passieren. Bis dahin könnte man aber am Fuß des Bergs eine „Walking“ Safari machen und kann Büffel, Giraffen, Affen und andere Tiere ganz ohne Blechbüchse entdecken.

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Fotos: David Lebuser, Lars Wehrmann

Themen: Anwenderstory, Reisen